In der Line 18

Artist Statement

Die Inneneinrichtung der kölner Straßenbahn ist einfach und funktional. Bahnfahren lebt vom Stillstand in der Bewegung. Warum nicht auch im eigenen Heim auf dem Stuhl „In der Linie 18“ verweilen und Gedanken vorüber ziehen lassen.

Ambiente sound

Inspiration

Stadtbahn Köln

Kölns Stadtbahn verfügt über zwölf Linien und besteht aus einem Streckennetz von 198,6 Kilometern, davon liegen etwa 28 Kilometer Gleise in Tunneln und weitere 5 Kilometer als Hochbahn. Die Strecke der Linie 18 ist mit ihren 48,4 km am längsten. Wovon nur 18,1 km in Köln liegen.

Koordinaten: 50° 58′41.3″ N, 7° 05′07″ O

0%
    Text & Gedanken von DIRK BÜSKEN

    Sitzen als neue Form des Wohnens

    Denken wir uns das Sitzen als eine Form des Wohnens, dann hat Tim Kerps Stuhl „In der Linie 18“ das Potenzial, unser herkömmliches Wohnverständnis in Räumen in ein Hybrid aus Privatheit und Öffentlichkeit zu überführen. Nebenbei würde das Bedeutungsspektrum des Wortes „Wohnsitz“ um die Variante eines „Sitzes, auf dem ich wohne“ erweitert. Das mag weitreichend erscheinen, wird aber allemal durch einen Blick in die Wortgeschichte von „sitzen“ legimitiert, wenn im Mittelhochdeutschen auch wohnen und sich aufhalten gemeint war.

    Das Sitzen ist eine psychophysische Gewohnheitshaltung, die wir im privaten und öffentlichen Raum einnehmen. Diese Haltung ist weder starr, noch ist sie eine Passivität. Sitzend positionieren wir uns permanent zu unserer Umgebung. Aufgrund der fixierten Sitze in der Bahn erfolgt die Positionierung hier primär durch Blicke: durch den verträumten Blick durchs Fenster, den neugierigen Blick auf die Mitfahrer, den willkommen heißenden oder Ablehnung äußernden Blick, wenn sich jemand zu uns setzen möchte. Sitzen wir zuhause, so ist die Positionierung des Stuhles im Raum ein erstes Statement zu seiner funktionellen bzw. ästhetischen Ausrichtung. Auf dieser Basis nehmen wir unsere Haltung ein, sei es im Bürostuhl auf dem vorderen Drittel sitzend mit konzentriertem Blick, am Esstisch in Vorneigung des Oberkörpers beim Essen oder entspannt eingesunken mit ausgestreckten Beinen beim lockeren Gespräch mit Freunden. Wer sitzt, ergänzt so die Objektsprache des Stuhls mit dem Dialekt seiner leiblichen Formensprache.

    Erinnern wir uns an die Idee eines Hybrids vom Anfang des Textes und bringen gedanklich Öffentlichkeit in die Privatheit und umgekehrt. Mit Kerps Stuhl „In der Linie 18“ wird ein Objekt öffentlicher Lebenszusammenhänge in das vertraute Umfeld der Privatheit verschoben. Als Umkehrung dieser Idee können wir uns Stühle aus unserem privaten Bestand in der Bahn denken. Dieses Spiel wechselseitiger Durchdringung von privat bzw. öffentlich konnotierten Objekten mit ihren jeweils gegenläufigen üblichen Raumzuschreibungen vermag tradierte Identitätszuschreibungen von Objekten mit assoziierten Stadt- und Wohnräumen produktiv zu irritieren.

    Folgen wir diesem Spiel und machen wir uns beim nächsten Hinsetzen von der Haltung der Gewohnheit frei und machen das Sitzen zu einem Wohnen, losgelöst vom Korsett engstirniger Vorgaben, wo man wie worauf zu sitzen habe. Womöglich mag sich dann bei der nächsten Fahrt mit der Linie 18 ein Gefühl des Wohnens einstellen. Spätestens dann wäre Kerps Konzeptstuhl jenseits des Konzeptes auch physisch bereit, in die Wohnungen unserer Stadt einzuziehen.